Beitrag von Martin Veltum
Es gibt Konzerte, die man hört – und es gibt Abende, die man spürt. In der Johanneskirche in Vacha wurde das Akkordeon kürzlich nicht nur gespielt, sondern gelebt.
Mit ihrem facettenreichen Konzertprogramm bewiesen Stefanie und Christian Stütz eindrucksvoll, warum das Akkordeon als „Instrument des Jahres“ weit mehr ist als ein Klangkörper zwischen Volksmusik und Konzertsaal.
Das Instrument wurde an diesem Abend zum Ausdruck von Heimat, Familie und musikalischer Leidenschaft.
Klangvielfalt zwischen Klassik, Folklore und Filmmusik
Schon die ersten Takte von „Conquest of Paradise“ ließen den Kirchenraum erbeben. Kraftvoll und zugleich fein abgestimmt entfaltete sich die besondere Akustik der Johanneskirche zu einem Resonanzraum voller Wärme und Tiefe.
Das Geschwisterduo verstand es meisterhaft, die anspruchsvolle Klangkulisse der Kirche mit großer Präzision auszubalancieren. Jeder Ton wirkte durchdacht, getragen von musikalischer Reife und emotionaler Intensität.
Mit dem barocken „Menuett in G“ von Johann Sebastian Bach wechselte die Stimmung mühelos in fein gezeichnete Eleganz, bevor die „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms temperamentvolle Virtuosität entfachten.
Die russische Volksweise „Jermoschka“ brachte folkloristische Leichtigkeit in den Kirchenraum und zeigte zugleich die enorme Ausdruckskraft des Akkordeons.
Besonders berührend wurde es im gemeinsamen Trio mit Stefanies zehnjährigem Sohn Benjamin Seefeldt an der Posaune.
Beim „Rhönlied“, dem traditionsreichen „Steigermarsch“ und der Filmmusik „He’s a Pirate“ entstand ein generationenübergreifendes musikalisches Miteinander voller Charme und Wärme. Das Publikum spürte sofort: Hier wächst musikalische Tradition über Generationen hinweg weiter.
Eine musikalische Reise mit familiären Wurzeln
„Unser Instrument verbindet Wirtshausatmosphäre und Konzertbühne gleichermaßen“, sagen Stefanie und Christian Stütz. Genau diese Vielseitigkeit machte das Konzert zu einem musikalischen Spannungsbogen, der das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute fesselte.
Dabei begann die Geschichte des Duos einst ganz bescheiden im familiären Wohnzimmer. Initiator war Opa Karl, der 1986 ein Akkordeon kaufte – damals bereits eine große Investition.
Obwohl er selbst das Instrument nicht spielte, wurde er zum ersten musikalischen Wegbegleiter seines Enkels Christian. Gemeinsam wurden nach Gehör erste Melodien einstudiert. Noch im Kindergarten spielte Christian seine ersten Stücke öffentlich vor.
„Ohne unseren Opa gäbe es diesen Weg wahrscheinlich nicht“, erinnern sich Stefanie und Christian dankbar. „Er hat uns Disziplin beigebracht, uns begleitet und immer an uns geglaubt.“
Später kam Stefanie hinzu – zunächst als singende Zuhörerin beim Üben ihres Bruders. Doch aus der Neugier wurde Leidenschaft. Seit Mitte der 1990er Jahre stehen die Geschwister gemeinsam auf der Bühne.
Musikschullehrer wie Eberhard Schwendler und später Beate Bach formten nicht nur das technische Können, sondern legten auch Wert auf Bühnenpräsenz, Ausdruck und musikalische Disziplin.
Musik als Verbindung zur Heimat
Bis heute prägt diese Haltung das Duo. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit auf der Bühne steckt enorme organisatorische und persönliche Anstrengung.
Während Christian in der Heimat verwurzelt blieb, lebt Stefanie inzwischen mit ihrer Familie im Rheingau-Taunus-Kreis. Gemeinsame Proben müssen über große Entfernungen organisiert werden, Konzertprogramme entstehen zwischen Beruf, Familie und Alltag.
„Die gemeinsame Musik ist für uns wie ein Anker zurück in die Rhön“, beschreiben die Geschwister ihre Verbindung.
Familie, Heimatverbundenheit und die gemeinsame Leidenschaft für das Akkordeon bilden dabei bis heute das Fundament ihres musikalischen Weges.
Auch abseits der Bühne bleibt die Familie der tragende Rückhalt. Eltern, Partner und Kinder unterstützen Proben, Konzertvorbereitungen und die oft aufwendige Organisation zwischen Alltag, Beruf und weiten Fahrstrecken. Gerade diese enge familiäre Verbundenheit verleiht der Musik des Duos ihre besondere Authentizität.
Europäische Klangwelten und ein emotionales Finale
Im zweiten Konzertteil öffnete sich das Programm noch stärker internationalen Klangwelten. Mit „Fiesta des Picadors“, „Adios Muchachos“ oder „Funiculi, Funicula“ bewiesen die Musiker ihre stilistische Bandbreite und Spielfreude.
Besonders atmosphärisch geriet das Irish-Folk-Set gemeinsam mit Gitarrist Andreas Knoepffler aus Bad Salzungen.
Zwischen „Greensleeves“, französischem Chanson mit „Aux Champs-Elysées“ und dem temperamentvollen „Can Can“ entwickelte sich eine beinahe grenzenlose musikalische Reise durch Europa.
Mit dem gefühlvollen Titel „Das wünsch ich dir“ schufen Stefanie und Christian Stütz einen besonders emotionalen Konzertmoment, bevor das amerikanische Traditional „Dixieland“ als Zugabe den Kirchenraum noch einmal mit schwungvoller Leichtigkeit erfüllte.
Immer wieder wurde deutlich: Dieses Duo spielt nicht einfach Noten. Stefanie und Christian Stütz erzählen Geschichten mit ihren Instrumenten.
Mit spürbarer Leidenschaft, großer technischer Klasse und bemerkenswerter emotionaler Tiefe verwandelten sie die Johanneskirche in einen Konzertsaal voller Nähe und Intensität.





































